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DEN GLANZ IM BLICK: PERLENAUKTION IN TOKIO
In Tokio treffen sich ganz besondere Experten, um tagelang zu suchen, zu prüfen und ihre Gebote abzugeben. Es geht darum, die schönsten Perlen der Welt einzukaufen. Eine fieberhafte Jagd nach der Schönheit – und doch so diskret wie die Höflichkeit der Japaner.

Früchte gemeisterter Bedrohungen ...

Perlen sind Jahrtausende lang Glückssache gewesen. Man fand sie in Meeren und Flüssen, lange Zeit auch in deutschen, doch ihre Entdeckung blieb die große Ausnahme. Denn nur ein ins Innere gelangter Fremdkörper konnte die Muschel dazu bewegen, eine isolierende Perlmuttschicht um ihn zu bilden. Diese Frucht einer gemeisterten Bedrohung war nur selten ohne Fehl und makellos rund. Es verstand sich von selbst, dass so eine Perle nicht den Hals einer Fischersfrau zierte, sondern in die Schatzkammern von Königen und Kirchen wanderte, wo sie auf Staatsgewändern und Evangeliaren prunkte, dort allerdings üppig, als unvergleichliches Prestigeobjekt, dessen geheimnisvoller Schimmer von den Wundern einer unerschöpflichen Natur erzählte.

Verhaltenes Charisma ...

Man schrieb der Perle edle Eigenschaften zu, Bescheidenheit und Treue, aber auch eine tiefe Affinität zu Schönheit, Unverwundbarkeit und Göttergunst. Wie Aphrodite, die der griechische Mythos die „Schaumgeborene“ nennt, besitzt auch die Perle eine machtvolle, anziehende Aura. Ihr Charisma wird durch ihre Verhaltenheit nur noch gesteigert, sie ist keusch in ihrer Nacktheit, statt zu gleißen, verführt sie durch ein feines Irisieren, durch erotische Ambivalenz. Große Frauen von Kleopatra bis zu Jackie Kennedy und Liz Taylor haben ihren Beistand gesucht, Königin Elisabeth I. besaß 3000 perlenbestickte Roben, und selbst die strenge Königin Viktoria mochte nicht auf ein Perlensautoir verzichten.

1900, das Jahr der Züchtung ...

Auch die Creme der Maler, Lucas Cranach, Rembrandt, Vermeer, Boldoni, Franz von Stuck und John Singer Sargent, setzte die Allure des silbrig glänzenden Kleinods an graziösen Damendekolletés in Szene. Entsprechend sensationell war die Nachricht, die sich spätestens auf der Pariser Weltausstellung von 1900 in alle Welt verbreitete, dass es dem Japaner Kokichi Mikimoto gelungen war, Perlen systematisch zu züchten. Seither ist Japan das Dorado aller Frauen, die ihre Ausstrahlung durch den Charme der Perle unterstreichen möchten. Im Land der aufgehenden Sonne finden sich noch heute die erfahrensten Züchter, die avancierteste Kultivierungstechnik und die wichtigste Perlenauktion der Welt.

Ein Deutscher im Land der aufgehenden Sonne ...

Der einzige Nicht-Asiate unter ihren Mitbegründern ist der gebürtige Berliner Rudolf Voll, der 1937 in die japanische Perlenstadt Kobe emigrierte und seither eine zentrale Rolle im asiatischen Perlenhandel spielt. In der Hongkonger Zentrale dieses Gentlemans alter Schule haben von Graf Lambsdorff über Robert Lembke bis zu den Vorständen der Deutschen Bank, wie Rudolf Voll, stolz erzählt, alle namhaften Landsleute bei ihm vorbeigeschaut, zum Perleneinkauf und um sich von einem alten Hasen in fernöstliche Mentalitäten einweihen zu lassen. Für seine Auskunftsfreudigkeit hat der Weise von Hongkong längst das Bundesverdienstkreuz erhalten. Dem Hause Wempe steht er durch familiäre Bande nahe. Sein Neffe Peter Schweer leitet in Hamburg nicht nur eine der ältesten der 19 Wempe Niederlassungen in Deutschland, er ist auch Mitaktionär von „Pacific Pearls“, Volls Tokioter Handelsfirma, die direkten Zugang zur dortigen Auktion hat. Zwei- bis dreimal im Jahr treffen sich beide im 27. Stockwerk eines Tokioter Geschäftsgebäudes zwischen Ginza und Kaiserpalast, um das aktuelle Perlenangebot zu sondieren.

Auf das Verhältnis kommt es an ...

Peter Schweer reiste schon als junger Mann für acht Jahre zu seinem Onkel, um den Perlenhandel an der Quelle zu studieren. Entsprechend groß ist das Vergnügen, sie bei ihrem Auktions-Rundgang inmitten japanischer Großhändler und Züchter zu begleiten. Weil die Perlenauktion das Licht der oberen Etagen sucht, ist der Ausblick auf das uferlose Tokio grandios. Der nüchterne, lang gestreckte Raum gleicht einer gigantischen Schulklasse. Auf langen Tischen stehen hölzerne Laden mit den Perlen-Lots aufgereiht, wie die Wareneinheit im Fachjargon heißt. Darunter sind oft mehrzählige Perlenstränge zu verstehen, gelegentlich auch kleine Mengen ungebohrter Einzelperlen. Mit immer leichen Gesten nehmen die Händler die Ware in Augenschein: Der Strang wird gepackt, ins Licht der großen Fenster gehalten und jede Kette langsam hin- und hergedreht. „Am Ende verstecken sie gern ein paar Fehler“, murmelt Rudolf Voll. Er fahndet nach schadhaften Stellen, an denen der von den Züchtern in die Muschel transplantierte Perlmuttkern durchscheinen könnte: ein Zeichen minderer Qualität. Peter Schweer konzentriert sich auf den Lüster der Perlen, seine Tiefe, Sattheit und Kraft. Hier kommt alles auf das Verhältnis an, auf die richtige Proportion von Glanz und Ebenmäßigkeit, denn je dicker die natürliche Beschichtung einer Perle ist, desto größer ist in der Regel die Abweichung von der perfekten Form. Allzu runde Perlen, so Schweer, gibt es nur aus Kunststoff: „Je schöner der Schimmer, desto natürlicher die Gestalt. Das Perlmutt wird ja nicht von einer Maschine aufgetragen, sondern von einem Tier.“

In Deutschland geschätzt:
Die dezente Eleganz der Perle ...

Unerfahrenheit rächt sich auf dem Börsenparkett, denn es gibt zahlreiche Fallen. „Viele Perlen“, so Rudolf Volls Sohn Fuji, der als Perlenkenner mit von der Partie ist, „werden mit allen Mitteln aufgepäppelt, bis sie verkauft sind. Danach kommt es nicht mehr darauf an.“ Fuji erläutert, dass manche Perlenproduzenten mit Äther für künstlichen, aber flüchtigen Bonbonglanz sorgen: „Man sieht viele schöne Perlen, die matt wie Kreide sind.“ An weißen Akoyaperlen bemängelt Peter Schweer den fehlenden „Punch“, also die spiegelnde Oberfläche, eine Schnur grüngrauer Tahitiperlen ist dem Wempe Gesandten zu trist. In Japan wird diese Farbe zu Trauerfeiern getragen. Die bläuliche Färbung einiger tropfenförmiger Perlen legt den Verdacht von Fäulnis nahe. Bei Acht-Millimeter-Akoyaperlen indessen gibt Peter Schweer ein Gebot ab, denn sie sind perfekt für ein Verlobungscollier. „Hier sollten wir einsteigen“, urteilt er auch bei einem Lot von sieben roséfarbenen Perlenketten. Er überbietet das Limit um gerade so viel, dass der Zuschlag ihm beinahe sicher ist. Das spielerische Element gehört dazu. Ein Profi bietet für mehr, als seine finanziellen Ressourcen erlauben, denn nicht alles, was er sich wünscht, gelangt auch in seine Hände. Wer sich verschätzt und die Ware nicht bezahlen kann, hat seinen Ruf verloren und wagt sich kaum ein zweites Mal in die Expertenrunde. Nicht nur die Nachfrage auf der Auktion, auch die der potenziellen Käufer zu Hause gilt es richtig einzuschätzen. Dort bevorzugt man die klassische Akoyaperle mit acht Millimetern Durchmesser, Tendenz aufwärts. Sie sollte einen leichten Roséschimmer haben: „In Deutschland wird die dezente Eleganz der Perle geschätzt, ihr subtiles Zusammenspiel mit dem Teint.“

Auf der Jagd nach Träumen ...

Gleichzeitig ist Schweer auf der Jagd nach der großen, stahlgrauen Blacklip-Tahitiperlevon Cook Island und der üppigen, weißen oder gelb- bis goldfarbenen Whitelip-Perle aus der Südsee. Als ihm drei Tahitistränge in einem Olivton begegnen, macht er eine Offerte. Die Perlen besitzen eine unvernarbte Oberfläche, man wird sich um sie reißen. Zudem trägt der Wempe Emissär spezifische Aufträge in der Tasche, Musterperlen, mit denen er auf der Auktion Ergänzungen zur Verlängerung eines Colliers oder zur Fabrikation von Ohrringen für eine Stammkundin sucht, und genaue Farb- und Größenangaben für die erträumte Südseeperlenkette. „Dieser Service wird bei uns sehr geschätzt.“ Auch nach dem zweiten Tag sind nicht alle Wünsche erfüllt, sodass die letzten beiden Tage der Woche dem Ergänzungskauf gewidmet werden.

Raunen und Debattieren ...

Die Niederlassungen der Perlenhändler im Gewirr der Tokioter Straßen sehen so unscheinbar aus wie die besten Diamantenadressen in Antwerpen. Hat der Besucher aber erst die Straßenschuhe abgelegt und ist in bequeme Pantoffeln geschlüpft, so trifft er auf Sicherheitstüren, Überwachungskameras und Monitore. Wie gewichtige Babys werden die Perlenschätze in Tüchern aus großen Boxen ans Licht befördert. Auf einer weißen Mullunterlage rollt Peter Schweer kleine Akoya- und auberginefarbene bis schwarze Tahitiperlenstränge kritisch hin und her. Manchmal kommt es nur nach dem Austausch einiger schadhafter Perlen zur Einigung. Zahlen werden geraunt und debattiert. Immer wieder schnappt der Perlenmesser ein, um die Größenangaben zu überprüfen. Als sich die Wintersonne neigt, ist das Tagespensum bewältigt, und die Geschäftspartner machen sich zu einem der Fischrestaurants am Hafen auf den Weg.

Ideale Begleiter für die Verhaltenheit großer Gefühle ...

Wer den Perlenkennern in Tokio über die Schulter sieht, hat schnell begriffen, dass sie nicht mit gesichtsloser Ware jonglieren, sondern sich natürlichen Kleinoden mit starken Charakterzügen widmen. Perlen sind unverwechselbar und treten nicht in blendend weißen Reihen wie Hollywoodzähne auf. Auch wenn sie heute nicht mehr neunzig Jahre lang im Dunkeln reifen, hat jede ihre Geschichte, die sich in Farbe, Form und Glanz verrät. Aber die Kugel bleibt das Ideal, in dem Perlenliebhaber mehr erkennen wollen als eine schöne Panne der Natur. Durch ihr sanftes Perlmuttspiel gibt die Perle das Bild vollkommener Ruhe und verführerischer Keuschheit: der ideale Begleiter für die Verhaltenheit großer Gefühle.

 
 
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