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BÖRSENFIEBER:<br>
DIAMANTENMETROPOLE ANTWERPEN
Auf der Diamantenbörse von Antwerpen begegnet sich alles, was im Diamantenhandel Rang und Namen hat. Seit Generationen werden hier die kostbarsten Steine der Welt begutachtet, gehandelt und geschliffen. Exklusiv für Wempe öffnete eine Welt ihre Tore, die nach eigenen uralten Gesetzen funktioniert.

Die teuerste Ware der Welt ...

Vor Millionen von Jahren, in der Gluthitze des Erdinneren entstand, was heute hoch gehandelt wird. Und was fast eine Ewigkeit verborgen blieb. Das Geheimnis des Diamanten ist so jung, dass man ihn noch bis ins 15. Jahrhundert weniger für Glanz und Farbe als seiner Härte wegen verehrt hat. Es bedurfte genialer Schleifer, um ihm das Geheimnis seines schwindelerregenden Lichtspiels zu entreißen.

In Antwerpen, der Stadt, die enger als jede andere an der Karriere des Diamanten beteiligt ist, hat sein diskretes Naturell sich auf die Menschen übertragen. Ein Besucher des dortigen Diamantenviertels sollte daher keinen Prunk erwarten.

Der Hauptumschlagplatz für die teuerste Ware der Welt gibt sich nonchalant gebrechlich. Die Architektur der in der Nähe des Bahnhofs gelegenen Schup- und Hovenierstraat ist modern und zusammengewürfelt, in den Büros herrscht graue Geschäftsmäßigkeit, und auch in den Schleifereien entdeckt man keine Hochglanzgeräte, sondern Holztische und altgediente Maschinen.

Nur die Polizeiposten am Eingang des Viertels lassen ahnen, dass hier außerordentliche Werte zu beschützen sind. Und dieser bescheidene Eindruck ist den Diamantenhändlern gerade recht. Um hinter die Kulisse zu dringen, braucht es einen Führer. Ohne eine langjährige Vertrauensbeziehung bleiben die gesicherten Türen und Passbarrieren dem Neugierigen verschlossen. Unser Sesam-öffne-dich ist die Edelsteinspezialistin und langjährige Wempe Mitarbeiterin Eva-Maria Leuschel. Für sie entriegeln sich die Tore, und wir dürfen dabei sein, während sie begutachtet und verhandelt und so zu einem zielstrebigen Akteur auf einem der exklusivsten Basare der Welt wird.

Man trifft in einer Woche die ganze Welt ...

Unser Tag beginnt in der Diamantenabkocherei. Broker, Händler und Schleifer schauen vorbei und ziehen aus ihren Taschen kleine, nach Origamiart gefaltete Umschläge, so genannte Steinbriefe, deren kostbarer Inhalt ohne große Umstände in einen Kochtopf befördert wird. Während der Kunde plaudernd herumsteht, steigen Dämpfe auf.

Wenn der Rauch klar wird, filtriert Herr Fogel, der aus Ungarn stammende Chef der Abkocherei, die säurehaltige Flüssigkeit und frottiert die Diamanten mit einem roten Polyestertuch, auf dem sich jeder Stein gut abhebt. Das routinierte Verfahren geht so sorgfältig vonstatten, dass die Ware vor dem Kochen nicht einmal gewogen wird; die Transaktion beruht, wie alles in Antwerpen, auf Vertrauen. „Bye, merci Marco!“, ruft der Kunde.

Jetzt sind seine fettbindenden Steine reif für den großen Auftritt in der Börse. Von den 21 weltweiten Diamantenbörsen befinden sich vier in Antwerpen. Wir sehen uns an diesem Tag den auf rohe und Industriediamanten spezialisierten „Diamantkring“ an.

Neben orthodoxen Juden gehen hier polyglotte Inder, Flamen, Armenier, Afrikaner, Asiaten, Amerikaner und Libanesen diskret ihren Interessen nach und verstehen sich prächtig. Denn wer möchte sich durch Vorurteile das Geschäft verderben lassen? „Das ist das Schöne an Antwerpen“, bemerkt unser Pate vor Ort, der Diamantenfabrikant Kurt Einhorn, „man trifft in einer Woche die ganze Welt.“

Der „Diamantclub“ ...

Eine hohe Glasfront verleiht dem Handelssaal der Börse etwas von einem Künstleratelier. Die Schrägfenster gehen gegen Norden, von wo ein nüchternes Licht einfällt. An den Tischen schlägt jemand eine Zeitung auf, ein anderer packt sein Butterbrot aus, zwei Greise fassen sich beim Hinausgehen unter. Dass die meist männliche Gesellschaft an den Tischen an ein romanisches Café erinnert, ist kein Zufall.

Traditionell trafen sich die Händler schlicht in den Antwerpener Bahnhofscafés, bis 1893 mit dem „Diamantclub“ die erste Börse einen exklusiveren Rahmen für die luxuriöse Ware schaffte. Weil kein Diamant dem anderen gleicht, führen die Börsianer ihre Güter nicht selten in der Jackentasche mit sich. Selbst wenn sich die Verkaufsgespräche heute mehr und mehr in die Büros der Diamantaires verlagern, ist die Börse weiterhin ein zentraler Ort für Angebot und Nachfrage und dient neben dem Erfahrungsaustausch der effizienten Lancierung von Informationen, die das Papier und andere Medien scheuen.

Ein Handschlag zählt ...

Der innere Kreis des Diamantenhandels funktioniert mit archaischer Simplizität. Jedes Geschäft wird ohne weiteren Schriftverkehr mit einem Handschlag abgeschlossen. „Mazal“ lautet die jiddische Formel, die alle Verkäufe besiegelt. Bis es dazu kommt, pflegt man ehrwürdige Rituale.

So wird das Diamantenpaket nach einem ersten Angebot mit Klebeband verschlossen. Von nun an haben die Handelspartner 24 Stunden Zeit, um sich auf einen Preis zu einigen. Bis zum Ablauf der Frist, in der Broker genannte Zwischenhändler von einer Partei zur anderen pendeln, darf kein Dritter den Inhalt des Cachets studieren. Wer nach dem Handschlag auf die Überweisung zu verzichten wagt, wird steckbrieflich gemeldet und lebenslang von allen Börsen ausgeschlossen.

Doch nicht nur die schwarzen Schafe, auch neue Mitgliedschaftsanträge sind am schwarzen Brett der Börse einzusehen. Bei den Aspiranten handelt es sich meist um Familienangehörige der schon gelisteten Börsianer. Dieser Usus garantiert auch für die Zukunft eine dörfliche Transparenz. Sollte dennoch jemand ein begründetes Veto gegen einen Neuzugang einlegen, ist der Antrag Makulatur.

Die Sicherung der Sundance-Zukunft ...

Als Nächstes besucht Eva-Maria Leuschel „Inter Gems- Claes“, einen der 80 „Sightholder“ bei DTC, der Diamond Trading Company in London. Dort lädt das renommierte südafrikanische Unternehmen De Beers zehnmal im Jahr zu einer „Sight“ genannten Verkaufsmesse ein. Jeder Sightholder erhält bei dieser Gelegenheit ein Steinkontingent: „Soweit ich weiß“, bemerkt Dirk De Nys, der Gesandte von Inter Gems-Claes in London, „hat niemand sein Paket je abgelehnt“ – zu groß ist der Marktvorteil, der DTC-Kunden durch den steten Juwelenzufluss erwächst.

Eva-Maria Leuschel zeigt ihrem Geschäftspartner Hans Clément die neuen Wempe Memoire-Ringe „Sundance“ in Gelb- oder Weißgold, in die bis zu sieben Diamanten eingesetzt sind. Wichtig ist ihr daher ein Reservoir von harmonierenden Steinen, die der Kunde noch Jahre nach dem Kauf erwerben kann, um den Brillantring Stein für Stein wachsen zu lassen. In Frage kommen nur Diamanten, über deren Quelle vollständige Klarheit herrscht. Wie Wempe legt auch Inter Gems-Claes großen Wert darauf, keine Konflikt-Diamanten aus Bürgerkriegsgebieten einzukaufen.

Etwas sehr Schönes schläft im Stein ...

Nach dem geschäftlichen Teil sehen wir Hans Clément bei der Arbeit zu. Es ist just ein Kuvert voller Rohdiamanten eingetroffen. Er schüttet sie auf Papier, lässt zu Kunstlicht die Rollos herunter und beginnt zu sortieren: „In Dreiergruppen, so wird es in ganz Antwerpen gemacht, zwei sind zu wenig, und vier sind zu kompliziert.“ Die mattweißen Steine erinnern an groben Kandis oder Hustenbonbons. Und während sie sich auf dem nüchternen Papier zu Pyramiden türmen, beginnt der Zuschauer zu ahnen, dass der Alltag eines Diamantaires dem jedes anderen Naturalienhändlers gleicht.

Spannend wird es dann wieder beim Schleifen. Der Weg zu Wolf Ollechs Familienbetrieb führt über verwinkelte Treppen. Drei Schleifer sitzen dort nebeneinander, grüßen abwesend, um sich aufs Neue über ihre Schleifscheiben zu beugen. Konzentriert legen sie Facette um Facette an.

„Wenn wir einen Rohstein sehen, dann sehen wir ihn fertig“, erläutert Wolf Ollech: „Es braucht viel Fantasie. Etwas sehr Schönes schläft im Stein, und das wollen wir herausholen.“ Natürlich steht auch bei Wolf Ollech ein Computer, mit dessen Hilfe er den Wuchs eines Steins analysieren kann. Überflüssig wird sein Metier dadurch nicht: „Die Maschinen haben keine Augen. Wir suchen die Balance zwischen Schönheit, Ökonomie und Reinheit, so eine Abwägung ist der Maschine fremd.“

Manche Antworten kennt nur Gott ...

Warum, fragen wir, hat jeder Stein einen anderen Wuchs? Das, kontert der Schleifer, „müssen Sie einen Gott fragen.“ Kein Diamant gleicht dem anderen. Dieses Mantra hört man oft in Antwerpen. Mit dem Kauf eines besonders tückischen Steins kann ein Händler sein Glück machen oder sich ruinieren. Entsprechend hoch im Kurs stehen erfahrene Schleifer wie Gabi Tolkowsky.

„Alle zwei Monate springt mir ein Stein“, bemerkt Kurt Einhorn lakonisch, als wir uns über die Schätze Gabi Tolkowskys beugen. Der Spross einer sieben Generationen alten Diamantaire-Dynastie wird einfach beim Vornamen genannt. Das Büro dieses Stars der Diamantenszene ist eine Ausnahme unter den sonst spröden Handelsräumen. In warmer Atmosphäre studiert der Großneffe des Brillantschliff-Erfinders Marcel Tolkowsky seine Lieblinge, um ihre Reize zu erkunden.

Lebenslange Leidenschaft ...

Immer wieder treffen wir in Antwerpen auf Menschen wie Gabi und Einhorn, für die der Diamant eine lebenslange Passion ist. Sie horten die schönsten Steine, und es macht ihnen mehr Vergnügen, Geschichten zu erzählen als Steine zu verkaufen. Für einen Adlerkopf, den Gabi aus einem verwachsenen Rohdiamanten geschnitzt hat, kann er sich ebenso begeistern wie für den 599 ct. schweren Centenary, dessen Schliff De Beers Anfang der 90er in seine Obhut gab.

Drei Jahre lang zog das Facetten-Genie nach Südafrika, um den für 100 Millionen Dollar versicherten Stein im traditionellen Kerbeverfahren auf ein atemberaubendes Flammenspiel von 273 ct. zu reduzieren. Eigens abgestellte Ingenieure entwickelten Schritt für Schritt passendes Werkzeug, das an einem zweiten großen, weniger reinen Stein getestet wurde. Für Gabi war es Ehrensache, aus dem „hässlichen Entlein“ einen makellosen Schwan zu schleifen. „Mir ist noch nie ein Diamant gesprungen“, verkündet er stolz.

Feuer, Wasser, Licht, Reflexion – das Leben ...

Vor Eva-Maria Leuschels Augen hat der Advokat der natürlichen Kristallgestalt seine jüngste Kollektion von Fancy Diamonds in Muschelform aufgereiht, die als Bettelarmband-Anhänger in den USA schon ein Hit sind. „Wer weiß es zu sagen“, sinniert Gabi, „welche Farbe ein Diamant hat? Cognac oder Zimt, jeder sieht darin eine andere Farbe.“

Dann zieht er einen 30,83-ct.-Diamanten in Tropfenform hervor und zeigt, wie leicht es in Antwerpen fällt, fünf Millionen Dollar in der Hand zu halten: „Was sehen Sie, wenn Sie diesen Stein betrachten? Feuer, Wasser, Licht, Reflexion – das Leben!“, sagt der, dessen Meisterstück der legendäre „Golden Jubilee“-Diamant mit unglaublichen 545,67 ct. war.

So geschäftsmäßig und spröde der Diamantenhandel sich gibt, seine Seele sind poetische Existenzen mit kindlichem Blick, die für das Wunder des Daseins kein besseres Gleichnis wissen als den geduldigen Diamanten. Denn der härteste aller Steine hat Millionen Jahre auf seinen strahlenden Auftritt gewartet, den nun nichts – außer seinesgleichen – mehr beenden kann.

 
 
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